Von Schokolade und Edelhölzern

Was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist mir auch erst in den letzten Tagen klar geworden. Bei einem Gespräch mit einem Mitarbeiter eines Schokoladenherstellers. Den Namen dieser Firma hörte ich zum ersten Mal, als ich irgendwo las, dass die „Gute Schokolade“ für die Aktion von Plant for the Planet dort hergestellt wird. Die Website des Unternehmens machte mich neugierig. Ich wollte mehr wissen, weil – schöne Worte machen kann (fast) jeder… Und so kam ich mit den Menschen dort in Kontakt und konnte den Leiter der Nachhaltigkeitsabteilung, Christoph Inauen, per Telefon interviewen.

Christoph Inauen

Jutta Schumacher (J.S.): Herr Inauen, erst mal danke dafür, dass Sie sich die Zeit für mich und meine Fragen nehmen. Zeit zu haben für etwas, das nicht direkt ein monetäres Ergebnis zeigt, ist ja nicht gerade in. Mir scheint jedoch, es passt zu Chocolats Halba und zu den Menschen dort, so manches etwas anders zu handhaben. Bevor wir jedoch dazu kommen, möchte ich natürlich gern ein bisschen mehr über Sie wissen. Neugierig war ich ja noch nie ;-) , ich frage das nur, weil ich weiß, dass es meine Leserinnen und Leser interessiert, was das für ein Mensch ist, der hier antwortet.

Deshalb bitte ich Sie, ein wenig über sich zu erzählen, über Ihren Werdegang. Wie sind Sie zu Halba gekommen, was motiviert Sie zu Ihrer Arbeit, was lieben Sie daran? Und – was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit?

Christoph Inauen (C.I.): Ich habe zunächst Wirtschaft studiert und dann einen Nachdiplomstudiengang in Entwicklungszusammenarbeit an der ETH Zürich gemacht. Anschließend war ich für das Schweizer Außenministerium in der Entwicklungshilfe tätig, habe für eine lokale NGO in Kolumbien und für eine Schweizer NGO in Westafrika gearbeitet. Ich war also im Bereich Entwicklungszusammenarbeit tätig. Seit 2008 bin ich bei Chocolats Halba, wo ich in diesen letzten fünf Jahren die ganzen Themen rund um Nachhaltigkeit aufbauen durfte. Was mich hier motiviert ist, was für einen Stellenwert die Nachhaltigkeit in unserer Firma hat. Ich bin mittlerweile selber in der Geschäftsleitung und habe eine eigene Abteilung. Wir haben es geschafft, Nachhaltigkeit ins Kernbusiness zu integrieren. Nachhaltigkeit ist also nicht Kommunikationssache oder im Marketing angegliedert. Es ist eine eigene Abteilung. Zudem erhält jeder Kader-Mitarbeiter ein bonuswirksames Ziel bezüglich Nachhaltigkeit. Wir haben es wirklich geschafft, die Nachhaltigkeit von A – Z im Kernbusiness zu verankern, und das heißt, man hat einen großen Impact auf die gesamte Firma. Das ist es, was mich eigentlich am meisten motiviert.

J.S.: Ja, das hat mich auch sehr beeindruckt. Haben Sie denn eigentlich auch noch Zeit für Hobbies?

C.I.: Ich habe manchmal Zeit für Hobbies, klar. Eines meiner Hobbies ist, dass ich Präsident einer kleinen Sozial-Firma in Kolumbien bin. Fruandes, stellt Trockenfrüchte her. Daneben mache ich viel Sport, Skitouren, bin in den Bergen, spiele Fußball und Tennis.

J.S.: Chocolats Halba gibt es ja schon seit rund 80 Jahren. Damals waren Nachhaltigkeit und Umweltschutz noch recht unbekannte Vokabeln. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann gibt es diese Abteilung bei Ihnen seit 2008, d. h. Sie haben diese aufgebaut, die gab es vorher noch nicht, ist das richtig?

C.I.: Ja genau, das ist richtig.

J.S.: Wie fing das damals an? Hat Halba damals schon Kakaobohnen in den Ursprungsländern gekauft? Oder wie ging das mit den ersten Kontakten, wie kann man sich das Ganze vorstellen, wie sich das entwickelt hat?

C.I.: Man muss sich das so vorstellen, dass vor 2008 die Firma Halba den Kakao im anonymen internationalen Handel gekauft hat und die Firma keinen Kontakt mit Kakaobauern kannte. Es hat also alles in den letzten fünf Jahren so richtig begonnen. Die Initialzündung ging sicher von unserem CEO aus. Anton von Weissenfluh hat von sich aus gesagt, dass er es als Chance für die Firma sieht, sich durch Nachhaltigkeit zu positionieren. Ich wurde als Berater angestellt. Später wurde meine Abteilung gegründet und das ist dann organisch weiter gewachsen. Es ist also eigentlich durch die Motivation von Herrn von Weissenfluh möglich geworden, der es als Chance für die Firma gesehen hat und nicht als Risiko. Das war also schon etwas speziell.

Am Anfang haben wir begonnen direkte Kontakte zu den Bauern aufzubauen. Ich hatte schon ein paar Beziehungen in Peru, Ecuador und Honduras und zuletzt in Ghana. Schritt für Schritt haben wir den Kontakt zu den Kooperativen gemacht. Wir haben sie besucht und wenn ich sage “wir”, dann meine ich wirklich wir. Der CEO war einer der ersten, der mit mir in den Ursprung gereist ist, aber auch andere Mitarbeiter wie zum Beispiel der Verkaufsleiter und der Entwicklungsleiter kennen die Projekte sehr gut aus erster Hand. Umgekehrt haben wir aber auch die Kleinbauern zu uns eingeladen und so langsam das Geschäft und das Vertrauensverhältnis immer stärker ausgebaut.

J.S.: Auf der Website von Chocolats Halba habe ich gelesen, dass den Kakaobauern ein Mindestpreis garantiert wird, der mindestens ihre Produktionskosten deckt. Aber – wovon leben die Menschen dann? Außer den Produktions- gibt es ja auch noch die Lebenshaltungskosten, oder sind die schon mit einkalkuliert? Oder reicht die zusätzlich dazu bezahlte Fairtrade-Prämie sowohl für die Finanzierung sozialer Projekte als auch zum Leben?

C.I.: Da wir die Kakaobohnen nur von Fairtrade-Kooperativen kaufen, müssen wir den im fairen Handel reglementierten Minimumpreis einhalten. Der liegt bei 2.000 $ für die Tonne. Und diese 2.000 $ decken die gesamten Produktionskosten inklusive der Arbeit. Der Lohn für die Arbeit ist in diesen Preis einberechnet.

J.S.: O. k., jetzt ist mir das klar.

C.I.: Das ist jedoch ein theoretischer Wert. Hat ein Bauer einen niedrigen Ertrag, ist es schwierig mit dem Einkommen zu leben.

Zusätzlich zum Preis für den Kakao kommt noch die Fairtrade-Prämie dazu, wie Sie gesagt haben. Das ist eigentlich ein Fonds der Kooperative, der Genossenschaft. Und die Kooperative bestimmt dann, in was dieses Geld investiert werden sollte: in eine Schule, in einen Brunnen oder eben in Produktivitätssteigerung oder aber in Direkt-Cash. Also das ist dem demokratischen Entscheid der Kooperative überlassen.

J.S: Also die Prämie geht voll und ganz an die Kooperative?

C.I.: Genau, und die Kooperative kann entscheiden, ob das Geld bar an die Bauern geht oder ob sie in soziale Projekte investieren möchten.

Wir vertreten die Position, dass wir zusätzlich zum Anbau von Kakao weitere Einkommensmöglichkeiten für Kakaobauern generieren möchten. Darum fördern wir zusätzlich zu Fairtrade spezielle Anbausysteme: Kakao wird mit Edelhölzern und Früchten kombiniert. Denn so kann ein Bauer erstens sein Einkommen diversifizieren, das bringt ihm mehr Sicherheit durch mehrere Einkommensquellen und er kann es langfristig vervielfachen, wie verschiedene Studien zeigen.

J.S.: Das habe ich gesehen, das hat mich ziemlich beeindruckt, denn da wird ja wirklich was getan, sowohl direkt für die Kakaobauern, also für ihr Einkommen, für die Qualitätsverbesserung des Kakaos, weil so dann auch einfach besserer Kakao dort wächst, für zusätzliches Einkommen und für die Umwelt, d. h. die Biodiversität nimmt zu, CO2 wird gebunden und die Bäume tragen zur Stabilisierung des lokalen Wasserhaushalts bei.

Weil ich aber über den Kakaoanbau, egal wo, nicht so viel weiß, habe ich da noch eine Frage: Wie ist das jetzt, vor der Aufforstung, in diesen Gebieten? Heißt das, dass dort bisher die Kakaobäume nicht unter großen Bäumen wachsen oder ist das schon so, dass Bäume da sind, nur eben keine Einkommen bringenden Edelhölzer?

C.I.: Also, es gibt ganz unterschiedliche Ausgangslagen. In Honduras forsten wir von Grund auf auf. Das heißt, wir forsten abgeholzte Regenwaldflächen auf. Normalerweise wird dort derzeit flächenintensive Viehwirtschaft betrieben. Vereinfacht gesagt: Wir wollen die Landwirtschaft in den Wald integrieren und so das relativ arme Weideland fruchtbar machen und den noch bestehenden Regenwald in Honduras schützen. Viehwirtschaft braucht Platz, um rentabel zu sein, wir möchten die Abholzung verhindern und den Wald neu aufforsten .

In Ghana machen wir es so, dass wir in die Monokulturen der Kakaobauern neu Edelhölzer hineinpflanzen. Das heißt, dort bestehen schon die Kakaoplantagen.

J.S.: Das heißt, in Ghana wächst da noch nichts anderes zwischen den Kakaobäumen?

C.I.: Nein.

J.S.: Wie lange dauert das, bis diese Bäume so groß sind, dass daraus auch ein Ertrag kommt – das geht ja wahrscheinlich Jahrzehnte?

C.I.: Also das kommt darauf an. Es gibt Edelhölzer, die sind schnell wachsend, es gibt Sorten, die wachsen langsamer. Wenn man schnell wachsende nimmt, hat man nach etwa 5 – 7 Jahren die ersten kleinen Einkommen. Und die langsam wachsenden Edelhölzer haben dann am Schluss sehr hohen Wert, aber sie brauchen 25 Jahre.

J.S.: Und wenn dann diese Bäume gefällt werden, werden dann die Kakaobäume auch beschädigt?

C.I.: Das kommt darauf an, wie man pflanzt. Wenn man rings herum um die Kakaoplantage pflanzt, dann ist es einfacher, die Bäume zu schlagen und neue Edelhölzer zu pflanzen. Wenn man sie zwischen die Kakaobäume pflanzt, dann ist es so, dass vielleicht 2 – 3 Kakaobäume in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn man einen großen fällt. Das ist aber nicht so schlimm, denn auf einen Hektar hat man 900 Kakaobäume und man kann die Beschädigten auch noch retten. Das Ganze funktioniert über eine so genannte Pfropfung. Man kann in den kaputten Kakaobaum noch einmal einen neuen Trieb hineinpfropfen. Dann wächst ein neuer Stamm und innerhalb von eineinhalb Jahren hat man wieder Erträge. Das geht dann relativ rasch.

J.S.: Oh je, zu diesen Projekten fallen mir jetzt tausend Fragen ein, das würde den Rahmen hier wohl gewaltig sprengen. Nur noch ganz kurz: Wie läuft das in der Praxis ab? Die Bauern bekommen die Setzlinge, ich hab da ja auch ein Video gesehen, und die pflegen sie dann selber und pflanzen sie dann in ihre Kakaoplantagen?

C.I.: Genau. Die Bauern bekommen Setzlinge, aber auch die entsprechende Ausbildung dazu. Es gibt ein Team, das die Bauern begleitet, sie lehrt, wie man die Setzlinge und später die Bäume pflegen muss oder wie man Probleme wie zum Beispiel einen Ameisenbefall lösen kann. Auch das GPS-Tracking, also das elektronische Lokalisieren des Baumes, das für die Transparenz und die Überwachung des Projekts sehr wichtig ist, wird ebenso wie die tatsächliche Kontrolle der Pflanzungen von Experten vorgenommen.

Christoph Inauen und Kleinbauer Lindley Mendoza pflanzen einen Edelholzbaum und registrieren den Ort per GPS. So kann der Fortschritt des Wachstums kontrolliert werden.

J.S.: Ja, Herr Inauen, um noch einmal kurz auf das Thema von vorhin zurückzukommen – von der eigenen Arbeit leben können – wie ist jetzt die Situation in den Kooperativen? Können die Menschen schon jetzt davon leben, also ein menschenwürdiges Dasein führen, sich gesund und ausreichend ernähren, können die Kinder zur Schule gehen, gibt es medizinische Versorgung, um nur mal die wichtigsten Punkte aufzugreifen, die mir da jetzt einfallen?

C.I.: Also die größten Fortschritte sehen wir verständlicherweise in dem ältesten Projekt in Peru. Dort ist es wirklich so, dass die Bauern, die schon lange in der bio-fairtrade zertifizierten Kooperative organisiert sind und seit einigen Jahren Edelhölzer pflanzen, mittlerweile gutes Geld verdienen. Die Erträge sind gut, die Kinder gehen zur Schule und machen teilweise höhere Ausbildungen. Dort hat es wirklich finanziell für die Bauern große Fortschritte gegeben.

In Ghana hingegen braucht es, bis es soweit ist, noch mehr Zeit. Dort wurde erst vor einem Jahr, 2011, mit der Aufforstung begonnen. Es ist ein Pilot-Projekt, und noch auf relativ kleiner Basis. Wir möchten das Projekt ausbauen und sehen auch, dass es eine Riesen-Nachfrage von den Kakao-Bauern gibt, die beim Projekt mitmachen wollen. Das ist für uns eine Bestätigung, dass es in die richtige Richtung geht. Denn in Ghana gibt es sicher noch sehr viel zu tun bezüglich Einkommen, Zugang zu Medizin und auch ökologisch muss etwas geschehen..

Christoph Inauen, Leiter Nachhaltigkeit und Kakaobeschaffung, in Ghana bei Kleinbauern der Kooperative Kuapa Kokoo. (Die Kleinbauern lernen Halba kennen, es gibt einen direkten Kontakt zu den Abnehmern der Kakaobohnen, Christoph Inauen hatte Schokolade dabei (Kleinbauern wissen oft nicht, was aus ihren Produkten entsteht)

J.S.: Fair gehandelte Produkte sind im Kommen – wenn auch nicht so schnell, wie man es sich wünschen könnte, zumindest ist das in Deutschland so. Auch unter den Schokoladen-Liebhabern werden es langsam mehr, die Wert darauf legen, dass für ihren Genuss nicht irgendwo Menschen und gar Kinder leiden müssen. Kritik höre ich bisweilen darüber, dass die Menschen bei den verschiedenen Labeln nicht wirklich durchblicken, was sie im Detail bedeuten, und dass sie immer mal wieder lesen, wo Fairtrade draufstünde, sei nicht unbedingt nur fair gehandeltes drin. Gerade TransFair ist hier in die Kritik geraten, seit die FLO den geforderten Anteil von fair gehandelten Zutaten in einem Mischprodukt von fünfzig auf zwanzig Prozent gesenkt hat. Oder auch, dass die Preisdifferenz fair gehandelter Produkte im Vergleich zu konventionell gehandelten wesentlich höher sei als der Mehrbetrag, den die Produzenten erhalten. Der übrige Teil werde teils von Einzelhändlern abgeschöpft, teils mit den Verwaltungs- und Kontrollkosten der Organisationen erklärt, was man jedoch glauben könne oder auch nicht. Die Kosten der Organisationen müssen natürlich erst mal gedeckt werden, das ist klar, nur der Handel müsste mit fair gehandelten Produkten ja nicht mehr verdienen als mit anderen… Wie sehen Sie das?

C.I.: Also dass der Handel viel mehr verdient, das glaube ich nicht. Vielleicht sind, weil die Volumen kleiner sind, die Margen ein kleines bisschen höher, aber im Prinzip kann ich das nicht so bestätigen.

Zur Kostenfrage:
Ich rede hier einfach ausschließlich über Fairtrade, denn für mich ist die Organisation einerseits sicherlich Vorreiter, wenn es um entwicklungspolitische Aspekte und die Verbesserung der Lebensbedürfnisse der Kleinbauern geht, andererseits kenne ich dieses System auch sehr gut:

Bei den Kosten für Fairtrade geht ein Teil des Mehrpreises direkt an die Bauern und in die Fairtrade Prämie. Ein anderer Teil geht an TransFair und an die FLO. Man muss sich vorstellen, wie teuer ein internationales, demokratisches System ist. Es ist eigentlich ganz einfach, aber wer noch nicht in ärmeren Ländern war, für den ist das manchmal ein wenig abstrakt. Demokratie heißt hier, dass die Kleinbauern im Süden in wichtige Prozesse und Entscheidungen einbezogen werden: Die Hälfte der Vertreter im höchsten Gremium von Fairtrade International ist zusammengesetzt aus Kleinbauernvertreter aus dem Süden. Sie entscheiden direkt mit, was in dem gesamten System beschlossen wird. Und es gibt viele solcher Gremien, ich bin zum Beispiel Mitglied im Advisory Council für Kakao. Viele der Mitglieder in diesem Advisory Council sind Kakaobauern. Für wichtige Sitzungen treffen wir uns bspw. in Bonn. Flug, Übernachtung, Verpflegung der Bauernvertreter wird von Fairtrade bezahlt. Das bringt Kosten. Aber die Kleinbauern haben eine Stimme und das ist das Entscheidende aus entwicklungspolitischer Sicht. Es ist die große Stärke des Fairtrade Systems.
Man darf bei aller Kritik an Kosten auch nicht vergessen, was Fairtrade bislang geleistet hat. 1992 hat kaum jemand Fairtrade gekannt, es gab kaum Produkte. Fairtrade hat sich nun mittlerweile einen Namen gemacht, was wichtig ist. Es gibt auch in vielen Ländern Fairtrade Produkte und die Produktpalette ist gestiegen.
Wenn es mittlerweile zu viele Label gibt, dann spricht es auch dafür, dass die Idee hinter Fairtrade die richtige ist und dass es nun eine Konkurrenz gibt. Und die hat noch nie geschadet, denn sie bringt stete Verbesserung.

J.S.: Das finde ich sehr, sehr positiv, nur wissen das die meisten Leute, glaube ich, ganz einfach nicht. Und sobald man irgendwo etwas sieht, wo man mit dem Finger draufzeigen kann… Sie wissen ja, die besten Nachrichten sind schlechte Nachrichten, dann wird auf diesem Punkt rumgeritten und alle schlagen in die gleiche Kerbe, auch wenn sie gar nicht alle Informationen haben.

C.I.: Es gibt sicher gibt noch einiges zu verbessern im Fairtrade System, aber die Richtung stimmt.

J.S.: Halba bezieht den Kakao, wie ich gelesen habe, ausschließlich von Fairtrade-zertifizierten Kooperativen. Wie ist das mit den anderen Produkten, die Halba verarbeitet, sind die auch fair gehandelt oder kommt das erst so peu à peu?

C.I.: Also wollen wir hier auf die Ingredienzien gehen?
J.S.: Ja.
C.I.: Welche möchten Sie wissen?
J.S.: Nun, es ist Zucker drin…
C.I.: Wenn Fairtrade draufsteht, sind nach Fairtrade-Standards zertifizierte Rohstoffe in den Produkten. Für Schokoladen mit dem Fairtrade Label kaufen wir den fair gehandelten Zucker aus Paraguay und Costa Rica ein. Für andere Produkte brauchen wir aber auch Zucker aus der Schweiz.

J.S.: Manchmal träume ich von einer gerechten Welt, in der jeder für das, was er tut, auch gerecht bezahlt wird. Nicht mehr so, dass der, der hat, immer noch mehr will und bekommt, egal wie und der, der nichts hat, ist selber schuld und soll doch sehen, wo er bleibt. Aber im Grunde genommen bin ich „Realutopistin“ und freue mich über jede positive Veränderung. Wenn Sie jetzt in die Kristallkugel schauen – wohin wird sich die Welt entwickeln, die Welt der Kakaobauern und der Schokoladenliebhaber? Nehmen die Bestrebungen zur Nachhaltigkeit und zu fairem Handel verstärkt zu oder wird die Situation eher so bleiben, wie sie ist, weil z. B. nicht genügend Geld dafür ausgegeben wird? Auf der anderen Seite hat ja der so genannte „Verbraucher“ viel mehr Macht, als er sich bewusst ist, also die könnten durchaus Einfluss nehmen auf das, was produziert wird, und könnten auch so erreichen, dass das 39-Cent-Fett-Zucker-Gemisch abgelehnt wird und mehr Menschen das kaufen, was fair gehandelt und umweltbewusst hergestellt wird. Aber dass das die Mehrheit machen wird, also daran glaube ich nun wirklich nicht. Was ist eigentlich in diesem Zusammenhang Ihr persönliches Ziel?

Christoph Inauen im Dorf Santa Rosa (Peru). Mit dem Kleinbauern Oswaldo del Castillo unterhält er sich über die schön gewachsenen Früchte.

C.I.: Sie haben Recht. Wenn wir möglichst viel hier im Norden bewusst konsumieren, können wir direkt sehr viel Einfluss nehmen. Und das andere ist, dass auch die Industrie im Wandel ist. Der Schokoladenkonsum steigt, in China, in Brasilien, in Indien, in Russland. Die verfügbaren Flächen sind begrenzt, Kakaoanbau ist eine Option und keine Selbstverständlichkeit. Kakaobauern suchen Alternativen, die mehr Geld bringen, wenn der Anbau nicht attraktiver wird. Mittelfristig oder langfristig werden die Rohstoffpreise steigen. Wie stark, da streiten sich die Analysten. Fakt ist aber, dass die Industrie sich stark bemühen muss, um genügend Kakao zu haben.

J.S.: Der Kakaopreis war ja in der Vergangenheit sehr starken Schwankungen unterworfen, und Sie denken, dass der Trend mehr nach oben gehen wird in Zukunft?

C.I.: Also wir sprechen nicht von 6 Monaten oder einem Jahr, also langfristig zeigt er hundertprozentig nach oben.

J.S.: Was mir gerade einfällt, ich habe heute eine Pressemitteilung vom Südwind-Institut hier bei uns in Deutschland gelesen über das Cocoa Barometer 2012. Darin heißt es u. A. über eine Studie: „Die meisten Kakao anbauenden Kleinbauernfamilien in den Hauptproduktionsländern Westafrikas, darunter an erster Stelle die Elfenbeinküste und Ghana, leben weiterhin von Einkommen weit unterhalb der Armutsgrenze.“ Weiter schreiben sie dort: „Derzeit ist allerdings viel Bewegung auf dem Markt. Werden die Pläne der Zertifizierungsorganisationen und einer Reihe von Unternehmen tatsächlich wie geplant umgesetzt, könnte die Menge nachhaltig produzierten Kakaos, dessen Herkunft über Zertifikate nachgewiesen wird, bis zum Jahr 2020 massiv auf rund die Hälfte der Weltproduktion steigen.“ 2020 ist ja nicht mehr so weit weg, halten Sie das für realistisch?

C.I.: Ja, ich denke schon. Also wenn ich in der Industrie auf die Tagungen gehe und die Investments sehe von den Großen, denke ich, das ist sehr realistisch.

J.S.: Das wäre doch schon mal eine sehr gute Zahl. Ja, Herr Inauen, dann danke ich Ihnen erst mal für den Ausblick, den Sie uns da gegeben haben und herzlichen Dank für dieses Gespräch – das ich, wie ich gern zugebe, noch eine ganze Weile hätte fortsetzen mögen. Aber Sie haben ja Ihren nächsten Termin und ich sehe gerade, es ist schon viertel nach drei. Deshalb wünsche ich Ihnen weiterhin viel Freude an der Arbeit und vor allem auch viel Erfolg.

C.I.: Ja, danke, und wenn Sie noch Fragen haben, einfach melden.
J.S.: Ja, eine habe ich noch, Herr Inauen: Mögen Sie Schokolade?
C.I.: Ja, sehr gerne.
J.S.: Und was bevorzugen Sie, hell oder dunkel?
C.I.: Ich bevorzuge ganz spezielle dunkle…
J.S.: Hmhm, ja, dann lasse ich Sie jetzt wieder arbeiten ;-) . Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, ciao.
C.I.: Danke, das wünsche ich Ihnen auch.

Über dieses Gespräch habe ich mich einfach gefreut, zeigt es doch, dass sich hier ein positiver Trend verstärkt und dass es Unternehmen gibt, die verstanden haben, dass langfristiger Erfolg besser ohne Gier und Egoismus geschaffen wird.

Felchlin, Zotter und noch andere haben das Prinzip der Nachhaltigkeit in die Unternehmenspolitik und –philosophie aufgenommen, selbst Nestlé hat sich der FLA angeschlossen und Einblick gegeben in das gesamte Produktionssystem, Cadbury ist eine Kakao-Partnerschaft mit Ghana, Indien und der Dominikanischen Republik eingegangen, Mondelez International (ehemals Kraft Foods) investiert in der Nachhaltigkeitsinitiative Cocoa Life 400 Mio. $, verteilt auf 10 Jahre. In Deutschland wurde im Sommer das Forum Nachhaltiger Kakao gegründet, Halloren ist jetzt UTZ-zertifiziert. Dies sind nur ein paar der guten Nachrichten, aber wir sehen daran, dass vieles in Bewegung ist und dass die Richtung dabei stimmt. Sicher gibt es noch sehr, sehr viel zu tun, aber etliche haben wenigstens schon mal begonnen. Und das halte ich für wichtiger, als alles aufzuzählen, was noch nicht so optimal ist.

Was wir Schokoladenjunkies tun können, ist klar – wir müssen nur darauf achten, was wir kaufen und die Firmen unterstützen, die auf dem richtigen Weg sind. Wir Verbraucher (ein grauenhaftes Wort) haben in Wirklichkeit eine ungeheure Macht. Dessen müssten wir uns nur noch viel mehr bewusst werden. Dann würde vielleicht wirklich mal dieses oben erwähnte 39-Cent-Fett-Zucker-Gemisch, hergestellt von Kindern für Kinder, außerdem sehr förderlich für die Entwicklung von Übergewicht, Diabetes und koronaren Herz-Kreislauf-Erkrankungen etc., endlich aus den Läden verschwinden.

Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Adventszeit und frohe, entspannte und genussreiche Weihnachtstage – vielleicht mit ein paar Stückchen leckerer, fair gehandelter Schokolade… ;-) .

Alles Liebe
Ihre
Jutta Schumacher

P.S.: Wen es interessiert – hier der Link zur Website des Unternehmens: www.chocolatshalba.ch

P.P.S.:
Hier zeige ich Ihnen noch ein Video, das zwar ein Unternehmens-PR-Video ist, aber eben so informativ, dass ich es Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Bildquellen:
Fotolia_© Sylvia Wolke
© Chocolats Halba (fotografiert von Filipa Peixeiro)

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5 Antworten auf Von Schokolade und Edelhölzern

  1. Pingback: Interview Schokolade Kakaobauern Nachhaltigkeit Fairer Handel | e-concierge™ Blog - The World of Recommendations

  2. Roldán Rojas Paredes sagt:

    Muy bien estimado Christoph Inauen!
    Felicitaciones,
    Es usted un excelente aliado de nuestros productores del Alto Huayabamba Perú!

    Abrazos,
    Roldán

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  3. Fair gehandelte Produkte sind eine gute Sache.
    Leider in der Masse nur ein “Tropfen auf den heißen Stein”.
    Aber immerhin besser als gar nichts.

    Ich muss zugeben, dass ich ein Schokoladenjunkie bin und
    leider selber unüberlegt zur Schokolade greife, ohne über
    die Herkunft nachzudenken. Dein Artikel erinnert mich mal
    wieder dies zu ändern.

    Heinrich Schreiber
    http://www.HeinrichSchreiber.com

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    • Der Tropfen wird größer, lieber Heinrich. Wenn die Prognose eintrifft, 50 % bis 2020, das wäre doch was… Und du kennst ja auch die Macht des steten Tropfens ;-)

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  4. Liebe Jutta,
    das Interview ist ganz große Klasse, sehr professionell und unglaublich interessant.
    Ich beschäftige mich seit ca. 3 Jahren immer mal wieder mit Fairtrade. Damals wurde ich bei einer Berliner Schokoladenfabrik Kundin. Und da ich von den Produkten und von dem Engagement der Firma für Fairtrade begeistert war, habe ich Werbung für sie in meinen Homepages gemacht. Inzwischen habe ich erfahren, dass in der Firma die Arbeiterinnen miserable Arbeitsbedingungen haben und extrem ausgebeutet werden. Das wirft natürlich ein sehr schlechtes Bild und man zieht das Engagement für Fairtrade automatisch in Zweifel. Meine “Schokoladen-Ecke” habe ich deshalb erst mal vom Netz genommen. Ich gehe mal davon aus, dass bei Chocolats Halba nicht nur die Arbeitsbedingungen der Kakaobauern, sondern auch die Arbeitsbedingungen der hiesigen Arbeiter(innen) im Mittelpunkt stehen.
    Herzliche Grüße
    Roswitha

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